Nach der Apothekerkammer lässt jetzt auch die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein (KVNO) das Geschäftsmodell von Teleclinic juristisch prüfen. Nicht nur das Ausstellen von Rezepten auf Knopfdruck wird kritisiert, sondern auch das Rosinenpicken der beteiligten Ärztinnen und Ärzte. Vor dem Landgericht München I (LG) wurde Klage eingereicht.
Über die Plattform werden Patientinnen und Patienten per Videosprechstunde beraten, teilweise gibt es für die Nutzer kostenpflichtige Zusatzleistungen. Die KVNO sieht hier erhebliche Risiken für die Patientengesundheit. Zudem sei der Umgang mit den erfassten Gesundheitsdaten der Patient:innen zu hinterfragen; im Rahmen der angestoßenen Prüfung soll auch das juristisch geklärt werden.
Dass Krankenkassen auch noch Verträge mit Teleclinic schließen und Versicherte dieser Kassen dann offenbar bevorzugt werden, komme noch hinzu zum fragwürdigen Konzept.
„Unsere Aufgabe ist es, dass alle Patienten alleine nach medizinischer Dringlichkeit an die Reihe kommen. Daher sehen wir diese Form von Angeboten kritisch, zumal die Krankenkassen ja auch noch dafür bezahlen – das ist Geld, dass in der Versorgung fehlt“, so der KVNO-Vorstandsvorsitzende Dr. Frank Bergmann. Grundsätzlich stehe man der Telemedizin und all ihren Vorteilen positiv gegenüber. „Allerdings müssen sie qualitätsgesichert sein und sollten nicht dazu führen, dass Patienten sich bestimmte Leistungen – etwa Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen oder Rezepte – quasi ‚auf Knopfdruck‘ bestellen können“, so Bergmann weiter.
Zu einer sinnvollen und wirtschaftlichen Behandlung per Videosprechstunde gehöre auch ein digitales Ersteinschätzungsverfahren vorab, in dem überhaupt geklärt wird, ob das Anliegen sich für eine Videosprechstunde eignet.
Auch die KVNO bietet Videosprechstunden an – seit Herbst 2024 im kinderärztlichen und seit März im allgemeinärztlichen Notdienst. Vorab gibt es hier aber eine standardisierte medizinische Ersteinschätzung sowie die bei Bedarf immer zur Verfügung stehenden Notdienstpraxen als fixe Anlaufstellen.
Auch die berufspolitisch engagierte Allgemeinmedizinerin und -chirurgin Dr. Laura Dalhaus machte ihrer Wut auf die Plattform kürzlich Luft. In einem Video auf Linkedin nannte sie Teleclinic einen „Brandbeschleuniger“. „Teleclinic zerstört die ambulante Versorgung und alle machen mit“, so der Titel ihres Beitrags. Dabei bezog sie sich unter anderem darauf, dass über die Plattform das Quartalssystem „ad absurdum“ geführt werde, da bei jedem Arztkontakt über Teleclinic der gleiche Patienten immer wieder neu abgerechnet werden könne, da immer wieder mit einem anderen Arzt gesprochen werde.
Die niedergelassenen Ärzt:innen stünden ohnehin schon unter Druck und mit der Plattform gebe es einen weiteren Player, der sich großzügig aus dem Topf der zur Verfügung stehenden Gelder der ambulanten Versorgung bediene. Und die Krankenkassen befeuerten dieses System auch noch zusätzlich, so ihre Kritik. „Und aktuell ruiniert das Arztpraxen“.
Beim Konstrukt mitmachen würden dann die Kolleg:innen, die sich sozusagen „die Rosinen rausrücken“ und über die Platform genau die Fälle annehmen, die schnell abzurechnen seien, moniert sie. Wichtige und oft komplexere Patientenanliegen würden somit hier eher vertröstet werden, eine einfache Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vorgezogen. Dass dahinter die niederländische Versandapotheke stehe, setze dem Ganzen die Krone auf – „das passt ins Portfolio, die gesamte Wertschöpfungskette Patient“, so Dalhaus.
Gegen die Vermittlung zwischen Teleclinic und Docmorris ist auch die Apothekerkammer Nordrhein (AKNR) schon vorgegangen. Im vergangenen Jahr konnte sie sich damit vor demselben Gericht durchsetzen.