Drastischer Rückgang der Verordnungen

Rezeptur zu teuer: „Ärzte sollen FAM verschreiben“

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Berlin -

Seit der Kündigung der Hilfstaxe – Anlagen 1 und 2 – beobachtet Viktoria Peters einen drastischen Rückgang der Rezepturverordnungen. „Uns wurde zugetragen, dass in Fortbildungen für Dermatologen von Verordnungen von Rezepturen abgeraten wird“, ärgert sich die Inhaberin der Gruitener Apotheke in Haan-Gruiten. „Wegen der unverschämt hohen Preise in der Apotheke.“

Das Fehlen einer gültigen Hilfstaxe ist für Peters eine Katastrophe. „Seit der Kündigung beobachten wir einen starken Rückgang von Rezepturverordnungen“, erklärt sie. „Normalerweise haben wir in unserer kleinen Dorfapotheke mehrere Rezepturen pro Woche hergestellt, doch es werden viel weniger dieser Anfertigungen verschrieben.“

Von einer Außendienstmitarbeiterin habe sie erfahren, dass Ärztinnen und Ärzten empfohlen werde, vorrangig Fertigarzneimittel (FAM) zu verordnen. „Es werde von Rezepturen abgeraten wegen der unverschämt hohen Preise, die in der Apotheke berechnet würden, hieß es.“ Auch viele Kunden und Kundinnen bestätigen diese Beobachtung. „Mehrfach wurde erwähnt, dass eigentlich eine Rezeptur gewünscht wurde, diese aber vom Arzt nicht mehr verordnet wird. So bekommen Betroffene dann zum Beispiel anstatt einer sonst üblichen Metronidazol-Creme ein Gel als FAM verschrieben.“

Individualrezepturen gehören zur Apotheke

Das mache Peters Sorgen: „Bald wird die öffentliche Apotheke nicht mehr für Rezepturherstellung verantwortlich sein. Es fehlt uns somit eine Existenzgrundlage, denn nicht die Drogerie besitzt die Fähigkeit Individualrezepturen herzustellen, sondern wir als pharmazeutisches Fachpersonal.“

Dabei vermute sie, dass Ärzt:innen oftmals keine genaue Kenntnis hätten, welche Preise die Apotheken für Rezepturen berechneten. „Wir halten uns beispielsweise noch an die alte Taxe und berechnen nicht die ganze Packung, deshalb bleiben unsere Preise im Rahmen“, so Peters. Bestätigt sehe sie dieses Vorgehen in bisher ausbleibenden Retaxationen. „Warum soll ich unnötig die ganze Packung berechnen? Es sind oftmals wiederkehrende Rezepturen, die verordnet werden.“

Beratung vor Ort, Kauf über Versender

Die Apothekerin macht sich auch Gedanken wegen der Pläne der Drogeriekette dm, in den OTC-Versand einsteigen zu wollen: Vertreibe der Konzern ab Sommer die wichtigsten OTC-Marken über den eigenen Webshop, so rüttele das massiv am Standbein der Apotheken, warnt Peters. „Für uns bleibt dann die Beratung und vielleicht noch ein Ersteinkauf. In Folge werden Kunden dann wahrscheinlich vorrangig bei dm bestellen und wir werden nicht mehr gebraucht.“

Sie beobachte bereits einen starken Rückgang der OTC-Umsätze. „Unsere Beratungskompetenz wird zwar in Anspruch genommen, aber das hat mit Nachhaltigkeit nichts zu tun.“ Ein gutes Beispiel sei der Kosmetikbereich: „Wir finden mit dem Kunden zusammen ein passendes Produkt, versorgen ihn mit Proben“, so Peters. Aber im Endeffekt kaufe er es dann preiswert beim Versender.

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